Geschichtliches: Historie und Verbreitung


(Grafik nach Winfried Taubner)

Es kann und soll nicht unser Anspruch sein, die Wahrheit darüber zu schreiben, wie die Kartoffel nach Europa kam. Wann, wie und durch wen dies geschah, sollen Wissenschaftler und Historiker erforschen. Wir wollen uns dem Geschenk der Indios aus den südamerikanischen Anden aus Sicht der Vogtländer zuwenden. Dazu muss man wissen, dass das Vogtland sich über mehrere Bundesländer, einschließlich Teilen Tschechiens, erstreckt. Es besteht aus dem Thüringer, Sächsischen, Bayrischen und Böhmischen Vogtland. Historisch gesehen hatte das Vogtland seine größte Ausdehnung von Cheb im Süden, Lobenstein im Westen, Bad Köstritz im Norden und Kirchberg im Osten. Das ist auch jener Raum, mit dem Schwerpunkt des heutigen Vogtlandkreises, der uns bei unseren Betrachtungen interessiert. Verstehen und begreifen können wir vieles nur, wenn wir uns vor Augen halten, dass zu jener Zeit, als die Kartoffel nach Europa kam, große Teile der Bevölkerung weder lesen noch schreiben konnten. Die Erfassung relevanter Daten und Geschehnisse waren, vor allem im ländlichen Raum an den Klerus, die weltliche Obrigkeit und vorhandene Bildungseinrichtungen gebunden.

Kindstaufen, Hochzeiten, Begräbnisse, kirchliche Feiertage und Markttage waren wesentliche Orte, zu denen Neues ausgetauscht und über die eigenen Dorfgrenzen hinaus verbreitete wurde. Die auf der Walz sich befindenden Handwerksburschen ersetzten die heutigen Medien wie Internet, Telefon und Post. Nur so ist zu verstehen, natürlich in Verbindung mit all den damals vorhandenen Vorbehalten zu der neuen Frucht, dass es manchmal Jahre dauerte, bis diese segensreiche Knolle auch im Nachbarort Liebhaber fand.
Die Geschichte des Kartoffelanbaus zu verfolgen setzt voraus, über zuverlässige Daten zu verfügen. Vieles ist durch Erzählungen überliefert. Glaubhaft belegte Zeugnisse finden wir in Gerichtsakten, ganz gleich ob es sich um Streitfälle, Verkäufe oder testamentarische Verfügungen handelt. Sicher ist das Finden belastbarer historischer Daten dem Suchen einzelner Personen zu verdanken.
Nach heutigem Erkenntnisstand scheint einheitliche Lehrmeinung zu sein, dass Hans Rogler aus Pilgramsreuth der „Kartoffel-Pionier“ im Vogtland war.
Im Heft „Der feldmäßige Kartoffelanbau in Bayern“ schreibt Max Wirsing: „Endlich am 24.03,1697, rief der Hofer Landrichter die Zeugen zur Vernehmung ein, die über den Beginn und die Ausbreitung des Anbaues der Erdäpfel in Pilgramsreuth berichten sollten. Es waren fünf schon betagte Männer, alle in Pilgramsreuth aufgewachsen und mit dem Sachverhalt persönlich betraut. Einige sagten, sie hätten früher mit Hans Rogler gedroschen.
Nicol Seidel zum Beispiel sagte aus, dass die Erdäpfel vor 50 Jahren (=1647!) aufgekommen wären, um diese Zeit hätten auch seine Eltern schon ein wenig Erdäpfel angebaut. Als die Leute gesehen hätten, dass die neue Frucht „gut thue“, hätten sie von Jahr zu Jahr mehr gesteckt.
Hans Grießhammer gab auf eine entsprechende Frage zur Antwort, dass er gar wohl wisse, dass Hans Rogler die ersten Erdäpfel von Roßbach im Böhmischen nach Pilgramsreuth brachte. Nach dem Rogler hätte immer ein Bauer nach anderen Erdäpfel angebaut, er, Hans Grießhammer könne aber nicht wissen, wie viel es wären aber von Jahr zu Jahr immer mehr geworden.“
Im gleichen Gerichtsstreit sagt der Bauer Hans Grießhammer aus, dass 1647 „als der Schwed“ die Stadt Hof belagert habe, noch keine Erdäpfel angebaut worden seien.
Die Aussage scheint glaubwürdiger, da sie in Verbindung mit der Belagerung Hofs durch die Schweden steht (prägendes Ereignis).
Was wir benötigen ist ein belastbarer Hinweis, dass 1647 in Roßbach Kartoffeln angebaut wurden.
Die ersten Nachweise für den Kartoffelanbau sind für die Betrachtung der Kartoffel als Nutzpflanze ohne Bedeutung. Über ein Jahrhundert hatte sie nur für Botaniker, als Renommier- und Zierpflanze Bedeutung. Für den Feldanbau wurde sie erst interessant, als der Bauer ihren Wert für die menschliche Ernährung und als Futterpflanze erkannte.
Das führte zu einer, für damalige Verhältnisse relativ schnellen Verbreitung im Vogtland. Bis ca. 1750 ist in mehr als 50 Orten der Kartoffelanbau nachweisbar. Es scheint, als erfolge die Verbreitung der Kartoffeln auf kargen Böden schneller als auf guten Böden oder liegt es an der geringen Zahl gefundener Belege?
„Das Dorf Würschnitz, zwischen Oelsnitz und Adorf, ist die Heimat unseres segenreichen Erdäpfelanbaues – denn hier war es, wo am Ende des 17.Jh. ein junger Bauer, der in England gewesen war und Erdäpfel dort kennen gelernt hatte, die ersten in seines Vaters Garten pflanzte...“(„Vaterlandskunde für Schule und Haus im Königreich Sachsen“ von K.A. Engelhardt) Jener junger Mann war Hans Wolf Kummerlöw. Er war Zimmermann und wir wissen, dass er zur See fuhr. Hat er die Kartoffeln wirklich aus England mitgebracht oder war er gar in Stralsund und hat sie dort käuflich erworben? Der älteste Nachweis über den Handel mit Kartoffeln in dieser Stadt ist vom 4.Mai 1637. Ein Transport in der damaligen Zeit von Stralsund ins Vogtland ist wahrscheinlicher, als von England aus. Man beachte die Haltbarkeit dieser sensiblen Frucht. Als sicher gilt, dass Hans Wolf Kummerlöw in Irland war. So jedenfalls erklären sich seine heute lebenden Nachfahren die in der Familie vorhandene Liebe zur irischen Volkskunst.
Hans Rogler und Hans Wolf Kummerlöw sind jene Personen, die namentlich als Pioniere des feldmäßigen Kartoffelanbaues im Vogtland überliefert sind. Vom heutigen Kenntnisstand ausgehend, muss Bekanntes korrigiert werden. Der erste nachweisbare Feldanbau der Kartoffel, nicht nur im Vogtland sondern  wahrscheinlich in ganz Deutschland fand im Ort Lottengrün nahe Oelsnitz statt. Das belegen die vom Ortschronisten Helmuth Eßbach im Sächsischen Hauptstaatsarchiv gefundenen Nachweise, die das Datum vom 26. Juli 1675 tragen. Im gleichen Jahr erhielt die Stadt Oelsnitz das Recht, einen weiteren Jahrmarkt durchzuführen. Damit fanden in Oelsnitz vier Jahrmärkte statt, zu denen sich zweifelsohne viele Bauern trafen. So ist auch erklärbar, dass im Umfeld der Stadt ( Tirschendorf, Willitzgrün, Zaulsdorf, Raasdorf, Altmannsgrün, Kottengrün) schon vor der Jahrhundertwende mehrere Bauern diese Frucht anbauten. Auch Hans Wolf Kummerlöw könnte auf der Durchreise hier seine ersten vogtländischen Knollen erworben oder eingetauscht haben.
Der Nutzen der neuen Frucht war im Vogtland längst bekannt, da war Friedrich der Große noch nicht geboren. Auch die schönen Gemälde, die den „Alten Fritz„ bei der Ernte der Kartoffeln zeigen, sind amüsante Legenden. Dem Wirken von Albrecht Daniel Thaer (1752-1828) ist es zu verdanken, dass der Anbau der Kartoffel von der Flach- in die Dammkultur wechselte. Kartoffeldämme, die auf den Bildern deutlich erkennbar sind, gab es in Brandenburg erst, da war Friedrich der Große schon gestorben.
 
 
U.W.